Vater der Eisberge

Auszug aus dem Kapitel

...............Welche Verkehrung meiner Sehnsüchte zieht mich hinauf auf diesen Berg? Bittersüßer Grenzgang! Wieviel Schmerz und Entbehrung kann ich aushalten? Kann diese Fragestellung je Sinn machen? Hier am Schreibtisch, in den Niederungen der Wohlstandsgeborgenheit, muß ich ratlos still bleiben. Aber dort oben im Gletschereis finden sie sich, die Antworten, der Sinn, die Begeisterung. Faszination der Totalität!

Ständig bewegter Spannungsbogen zwischen Mühsal und Vergnügen! Ja, es gibt sie, das Vergnügen und den Genuß in der ausgedörrten Atemlosigkeit, im nassen Ruhen auf dem groben Eis, im minutenlangen, hechelnden Lehnen auf dem Pickel oder den Skistöcken.

Die Aussicht in die tief unter uns liegende Ebene, die Seen und Flußläufe, der Blick auf die Berge Tadschikistans, Afghanistans und Pakistans – all das entschädigt in Augenblicken für die Mühen eines mehrstündigen Aufstiegs.

Der Gletscherbruch, an dessen ungefährlichem Rand wir uns emporarbeiten - ständig wechselnde Einblicke in dieses eisige Chaos, ein bläulich-weiß schimmerndes Gewirr aus Seracs, hausgroßen Eisquadern und Spalten!

Die fast völlige Windstille eines herannahenden Abends vor unseren Zelten! Links und rechts neben uns laufen mächtige Gletscherzungen in die Tiefe, bizarre Gebilde aus spitzen Eistürmen in einem Gewirr tiefer Spalten. Das uns umgebende Land scheint unendlich weit unter uns zu liegen. Außer den Zelten des Basislagers können wir nichts Menschliches erblicken. Die bräunlichen Häuser von Shubash und am Karakul-See heben sich nicht von ihrem gleichfarbenen Untergrund ab. Das endlose Weiß, das uns nun umgibt, verstärkt das raffinierte Farbenspiel der Natur und läßt uns nur dasitzen und schauen und genießen. Das Licht der Abendsonne verwandelt die verzweigten Flußläufe in ein goldfarbenes Glitzerspiel inmitten der staubig-braunen Ebene. Im Süden ragen einige kleine Zacken aus der weiten Flucht der Schneeberge heraus. Der K2, der Broad Peak, die Gasherbrum-Gipfel?! Eine andere Welt, eine neue Herausforderung, ein Morgen für das Bergsteigerherz!

Und ich? Meine ersten zehn Tage am Berg? Ich fühle mich täglich besser in der sauerstoffarmen Luft. Zuletzt steige ich in nur fünf Stunden von Lager I zu Lager II auf und arbeite dann mehrere Stunden hart an dessen Aufbau mit. Den harten, eisigen Untergrund mit Pickel und Lawinenschaufel für das Zelt einebnen, eine Kochnische aushacken, Schnee schmelzen, kochen! Endlich fühle ich mich so richtig gut in Form. Optimismus! Der nächste Tag – Lager III?

So rosig hat alles ausgesehen, und dann zwingt mich am folgenden Morgen eine schmerzhafte Zahnentzündung zum eiligen Abstieg ins Basislager. Meine Gipfelchancen haben einen schweren Rückschlag erlitten. Ich weiß, daß mir die wichtige dritte Zacke des Akklimatisationsplanes fehlt, eine Nacht in Lager III. Ich weiß auch, daß ich keine Möglichkeit mehr haben werden, diese noch vor einem möglichen Gipfelsturm nachzuholen. Auf ein schnelles Wunder hoffend, beginne ich, mich mit einem Zahnantibiotikum zu behandeln.

Ruhe im Basislager! Äußere Ruhe! Innerlich finde ich keine Ruhe mehr. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Noch versuche ich, an die Kraft meiner Medikamente zu glauben, noch will ich meine Gipfelchance nicht so ohne weiteres dahingeben. Ich fühle eine enorme Anspannung in mir, spüre Hoffnung und Aussichtslosigkeit im Wechseltakt. Das Antibiotikum beginnt zu wirken, es macht mich aber ziemlich müde.

Zu sechst sind wir im Basislager vereint. Alle gescheitert beim Versuch, Lager III zu erreichen! Meine fünf Kameraden richten ihre Blicke nach oben. Morgen wollen sie den Gipfelvorstoß in Angriff nehmen. Ich fühle mich leer. Ein Aufstieg scheint mit jeder Stunde des Schmerzes in immer weitere Ferne zu rücken.

14. August, der 11. Tag am Berg

Alles läuft schief! Das Wetter wird zunehmend schlechter, die Prognose gibt uns keine guten Karten, in den nächsten Tagen den Gipfel erreichen zu können.

Mit geht es mit meiner Zahnentzündung nicht gut. Die Schmerzen werden nicht besser und auch nicht schlimmer, aber die Antibiotika machen mich unendlich müde. Ich weiß, daß ich so den Aufstieg nicht wagen darf und fürchte den Augenblick, wenn meine fünf Kameraden den endgültigen Angriff auf den Gipfel starten. Allein im Basislager, ohne Chance, den höchsten Punkt zu erreichen – wie frustrierend wird das sein! Und so gut hatte doch alles noch vor drei Tagen ausgesehen! ...

16. August, der 13. Tag am Berg

Weiße Pracht! Beim Öffnen des Zeltes glaube ich, mich in einer anderen Welt zu befinden. Alles ist tief verschneit, bis hinunter ins Basislager, bis hinunter in die Ausläufer des Berges, dort wo sich das Dorf Shubash befinden muß. Siebzig Zentimeter Neuschnee! Als Bergsteiger können wir uns an solchen Tiefschneemassen kaum erfreuen, sie kündigen den Beginn unendlich mühsamen Spurens an.

Hinauf oder hinunter? Das ist die Frage, die sich für mich jetzt stellt, während Ekke und Günter die Skier anschnallen, um im Tiefschnee besser voranzukommen. Vieles spricht für den Abstieg. Gestern ist mir der Aufstieg sehr schwer gefallen. Mit leichtem Gepäck habe ich ebenso lange gebraucht wie am ersten Tag, als ich noch nicht akklimatisiert war. Die Neuschneemengen verheißen auch nichts Gutes für die Situation im oberen Teil des Berges. Der Schneefall hat nun zwar etwas nachgelassen, von einer Wetterbesserung kann aber keine Rede sein. Und doch kann ich nicht anders, ich muß mich gegen die Vernunft entscheiden. Ich greife zu meinen Tourenskiern, die ich am ersten Tag hier herauf geschafft habe, fixiere die Harscheisen und steige in den Jambulak-Gletscher ein.

Habe ich nicht vor einigen Tagen Lager II in fünf Stunden erreicht? Heute werden es elf! Gut die Hälfte des Weges trage ich meine Skier am Rucksack festgeschnallt auf dem Rücken statt an den Füßen. In den schwierigeren Passagen nahe dem Gletscherbruch fehlt mir die Übung, um sicher auf Skiern voranzukommen.

Oberhalb des Eisbruches begegne ich Elisabeth und Hans-Peter, die zerknirscht ins Basislager absteigen. Zwei Tage und Nächte haben sie im Sturmlager ausgeharrt, ohne daß das Wetter besser geworden wäre. Längere Aufenthalte in dieser Höhe hält der Körper nicht aus. Ihre erste Gipfelchance ist dahin. Wird ihnen der Berg noch eine zweite geben? Werden sie dann die Kraft haben, sie zu nützen?

Unendlich langsam kämpfe ich mich Meter für Meter, oder besser Zentimeter für Zentimeter zu Lager II vor. Erst nach 22 Uhr erreiche ich unsere Zelte, falle total erschöpft in den Schlafsack und habe nicht einmal mehr die Kraft zu essen.

Lange Zeit liege ich regungslos im Schlafsack, versuche mich aufzuwärmen, zögere Minute um Minute meine Insulinspritze hinaus und fürchte gleichzeitig, ohne Injektion einzuschlafen. Alle Konzentration muß ich aufbringen, um meine Insulinfläschchen stets am wärmenden Körper zu halten. Neben dem Schlafsack würde das Insulin in kürzester Zeit gefrieren und unbrauchbar werden. Schließlich gebe ich mir selbst den entscheidenden Ruck. Ich ziehe den Schlafsack über den Kopf, drehe mich mit der Stirnlampe in die warmen Daunen hinein und setze im Lichtschein meine Spritze. Augenblicke später falle ich in einen nicht endenwollenden Erschöpfungsschlaf.

Wie normal sind diese Prozeduren für meine Bergkameraden geworden. Keiner verliert ein Wort darüber, keiner mißt meiner Zuckerkrankheit eine besondere Bedeutung zu, und das ist sehr angenehm für mich. Sie sehen mich im Zelt beim Blutzuckermessen oder im Eis, wenn ich ein Stückchen Haut freimache, um die Spritze zu setzen – und es ist für sie genauso normal, wie wenn ich an meinen Steigeisen herumhantiere.

17. August, der 14. Tag am Berg

Ich kann meine Glieder kaum rühren, so kaputt bin ich am nächsten Morgen. Keine fünfzig Meter weit würde ich heute kommen. Der Aufstieg ist zu Ende. Für uns alle ist er heute zu Ende! Das Wetter zeigt sich von seiner schlechtesten Seite. Den ganzen Tag über stürmt und schneit es. Alle Aktionen am Berg sind zum Stillstand gekommen. Keine Sicht! Selbst der Abstieg ist unmöglich geworden. Ich muß in Lager II bleiben und rühre mich kaum aus meinem Schlafsack heraus.

...Fortsetzung im Buch