Zwei Handbreit unter dem Himmel

Besteigung des Pik Lenin (7134m) in Kirgisistan

Test von Blutzuckermessgeräten unter Extrembedingungen

Einige Wohnzelte - Jurten - wie verloren in der grasigen Unendlichkeit Zentralasiens, ein Becher vergorener Stutenmilch, Kinderlachen. Die Augen des kleinen Kirgisenjungen glänzen, er darf mit unserer Fotokamera spielen - Zoom, Weitwinkel, Zoom. Thomas und ich klinken uns ein in dieses Spiel, holen die vereisten Bergketten heran, schieben sie weit weg an den Horizont, holen sie wieder heran. "Der ist ja unendlich hoch", meint Thomas, als er "unseren Berg" mit voll ausgefahrenen Zoom im Visier hat. Ja, der ist unendlich hoch. Wir sind hier auf knapp 3000 Meter Seehöhe inmitten der leeren Weite der kirgisischen Hochebene, höher als die meisten Gipfel unserer Ostalpen. Und doch geht´s da noch über 4000 Meter hinauf, zu den kaum erkennbaren Felsen am höchsten Punkt der mächtigen Pik Lenin-Nordwand.

In gut einer Stunde wird uns der geländegängige Bus am letzten erreichbaren Weideflecken ausspucken und uns für fast drei Wochen mit einer fantastischen gigantischen Gletscherwelt und kargen Lebensbedingungen allein lassen. Die Zwiebelwiese - ein schmales Stück Grün am Ende der lebbaren Welt. Eine kleine Zeltstadt ist hier in 3800 Metern Höhe entstanden, Basislager und Refugium für tatendurstige Bergsteiger aus aller Welt.

Thomas und ich haben es nicht eilig. Langsam wollen wir unsere Körper an den starken Höhenanstieg in den letzten Tagen gewöhnen. Solche Ruhetage geben uns die Gelegenheit, die Blutzuckermessgeräte für zwei namhafte Diagnostik-Unternehmen zu testen - sechs bis sieben Messungen pro Tag, Tagesprofile in 4000 Metern Höhe. Wir steigen hinauf auf den Pass der Reisenden, wenig mehr als ein Spaziergang . Herrlicher Ausblick auf die 3000 Meter hohe Lenin-Nordwand. Die Sonne brennt heiß herunter, der Wind bläst eisig. Die über den Himmel huschenden Wolkenfetzen bewirken ein ständiges Wechselspiel gewaltiger Temperatursprünge, mal +25° C, dann wieder - 10° C, und das innerhalb weniger Minuten. Die Blutzuckertests verlaufen auch unter diesen Bedingungen klaglos, sofern wir die Geräte und Streifen im Windschutz halten. Thomas kommt bei diesen Untersuchungen als nichtdiabetischer Kontrollperson enorme Bedeutung zu - seine Werte liegen in einem wesentlich engeren, kalkulierbaren Bereich als die meinen. Sein relativ stabiler Blutzucker soll die Zuverlässigkeit der Messgeräte und -streifen überprüfen, während meine Werte eher Aussagekraft bezüglich des Diabetikerlebens unter derartigen Extrembedingungen haben.

Stundenlang steigen wir über den nur mäßig geneigten Lenin-Gletscher an, über Hunderte von kleinen Spalten und schmalen Bächen. Knapp zwei Kilometer vor dem Fuß der mächtigen Nordwand errichten wir in lawinengeschützter Lage unser erstes Lager in 4400 Meter Höhe.

Das Wetter ist gut - für wenige Stunden. Dann lassen uns tagelange Schneefälle im knietiefen Weiß versinken. Die Tagesabläufe werden eintönig: das Zelt von den Schneemassen freischaufeln, essen, trinken, lesen, schlafen - gespanntes Warten. Nur die lautstark durch die Wand stürzenden Lawinen im Halbstunden-Takt bringen zumindest anfangs etwas an Abwechslung und Spannung mit sich.

Das kleine Zeltlager ist zum Sammelpunkt Gestrandeter geworden: solcher, die am Fuß der 3000 Meter-Wand zum Nichtstun verurteilt auf ihre Chance hoffen, und solcher, die von einem der oberen Lager doch noch den sicheren Abstieg gefunden haben und nun etwas enttäuscht dem Berg endgültig den Rücken kehren müssen. Der Berg hat in den letzten zwei Wochen alle zurückgewiesen. Eine starke bayrische Expedition hat es gar bis 350 Meter unter den Gipfel geschafft, aber von ganz oben kann niemand berichten. Der Pik Lenin gilt als leichter Siebentausender, doch nun beißen sich alle die Zähne an ihm aus.

< Stimmung die einsaugen, sich in Schönheit weiße und Luft kalte sein, draußen wieder Endlich Schönwetter-Loch. aussehendes stabil ein entsteht Stunden weniger Binnen Sonnenstrahlen. langersehnten endlich bringt Juli-Tag letzte>

Zögernde Aufbruchstimmung bei der wartenden Bergsteigerschar. Ein zu früher Einstieg in die Wand birgt ein enormes Lawinenrisiko in sich. Langes Zuwarten kann dazu führen, dass sich das Schönwetter-Loch schließt, noch ehe man in Gipfelnähe gelangt.

Die lange Schlechtwetterphase hat unseren Akklimatisationsplan völlig über den Haufen geworfen. Wir müssen in dieser Schönwetterphase den Gipfel erreichen oder ihn eben für immer vergessen, das heißt, wir müssen in einem Zug unser gesamtes Gepäck nach oben schaffen.

Die technisch leichte, wenn auch steile Route bietet wenig Abwechslung. Nur einige Schmankerln, eine kurze überhängende Eiswand und filigrane Brücken über endlos tiefe Spalten durchbrechen die stapfend-steigende Eintönigkeit, lassen das Bergsteigerherz höher schlagen, kosten aber auch auch viel Kraft mit den schweren Rucksäcken. Fünf Stunden kommen wir gut voran, dann vertrocknen wir förmlich, trinken unsere letzten Schlucke. Zu wenig Flüssigkeit! Wer hätte gedacht, dass sich in dieser konkav gewölbten Nordwand soviel Hitze stauen kann, + 43° C. Unglaublich - wir benötigen weitere fünf Stunden für die letzten 250 Höhenmeter, ehe wir vollkommen dehydriert einen lawinengeschützten Platz am Rand der Nordwand erreichen. Der glühende Sonnenball wird in wenigen Minuten hinter dem Nordwest-Grat abtauchen und dann werden die Temperaturen innerhalb einer Stunde um 60° auf etwa -15° C absinken. Wir schaffen es nicht mehr, das Zelt in der wärmenden Sonne aufzustellen. Eisig klamme Finger binnen Minuten, der Schlafsack - Ort aller Sehnsüchte, kein Appetit, nur unendlich viel Durst. Zehn Stunden statt der erwarteten sechs haben wir für die knapp 1000 Höhenmeter in der Nordwand benötigt. Die Gipfeletappe wird allgemein mit 13 bis 16 Stunden veranschlagt. Besser keine Hochrechnungen! Dem Tag totaler Erschöpfung lassen wir einen Tag totaler Regeneration folgen.

Von oben kommen gute Nachrichten, der Bann ist gebrochen: erstmals nach Wochen haben wieder Bergsteiger den Gipfel erstiegen - zwei Deutsche und zwei Österreicher. Thomas und ich erreichen am folgenden Tag den Vorgipfel des Pik Lenin, den 6210 Meter hohen Pik Razdelnaja. Blutzuckertests auf dieser windausgesetzten, eisigen Anhöhe, outdoor - es klappt. Die Umgebungstemperatur liegt bei - 15°, doch einminütiges Anwärmen der Geräte und Streifen in der Hand reicht aus, um sie funktionstüchtig zu machen. Welch ein Fortschritt verglichen mit den Geräten, die ich bisher gekannt und benutzt habe. Diese fielen stets in Höhen über 4500 Meter aus, den höchsten digitalen Wert erhielt ich einmal in 5900 Metern im Zelt nach fast halbstündigem Anwärmen. Äußerst mühsam! Nur mein Insulin erfordert weiterhin

Achtsamkeit. Dieses darf nun wirklich nicht gefrieren, ich muss es stets am wärmenden Körper halten. Thomas steigt zu unserem Zelt ab. Er wird, wie die meisten anderen Bergsteiger, auf einen Gipfelversuch am Pik Lenin verzichten. Ich kann es nicht bleiben lassen, steige etwa hundert Höhenmeter hinab in den Sattel zwischen Razdelnaja und Lenin, finde dort ein verlassenes, im Schnee eingegrabenes Zelt einer schon vor Tagen gescheiterten Expedition und niste mich darin ein.

< der Wechselspiel wunderschöne das liegen, mir unter Teil zum schon nun Gipfel deren Sechstausendern, Fünf- den Felswänden, Eis- mit Sonne Spiel genieße Behausung meiner vor ich bleibe geht, nur es lange So Tag! herrlicher>

Mir geht es ausgezeichnet mit meinem Blutzucker, all die Zeit, seit ich hier am Berg bin. Keine Ausreißer nach oben, höchstens hin und wieder eine leichte Unterzuckerung, aber nie so stark, dass mein Körper die Leber-Zuckerreserven aktivieren muss, was ja dann meist zu unkontrollierbaren Werten führt. Ich scheine gut akklimatisiert zu sein, mein Körper verkraftet die erschöpfenden Anstieg. Vor zweieinhalb Wochen haben Thomas und ich den 5642 Meter hohen Elbrus, den höchsten Berg Russlands und auch Europas, bestiegen. Das war offensichtlich die optimale Vorbereitung für diesen Berg.

Der Tag klingt aus und es wird der Gipfeltag des Jahres 2001. Neun Bergsteiger, vier Italiener, drei Russen und zwei Österreicher erreichen den höchsten Punkt. Auch morgen wollen neun Bergsteiger ganz nach oben, eine polnische Expedition mit sieben Teilnehmern und zwei Einzelgänger, ein Sachse und ich.

Halbsechs Uhr morgens, ich muss etwas tun, sonst läuft mir der Tag davon. Blutzucker: 148 mg/dl - optimal. Nichts empfinde ich beim Höhenbergsteigen so unangenehm wie jene eineinhalb bis zwei Stunden, die zwischen dem Verlassen des wohlig-warmen Schlafsacks bis zum Aufbruch vergehen. Die Körperwärme kondensiert während der Nacht, gefriert und überzieht die Innenwände des Zeltes mit einer dünnen Eisschicht. Jede Bewegung löst so einen kleinen Schneesturm aus, der den Körper überzieht und binnen Augenblicken stark abkühlt. Endlich ist meine Haut mit Kleidungsstücken bedeckt.

Die anderen, sind sie schon fertig? Die Polen geben auf, noch ehe sie den ersten Schritt tun. Die Höhe hat ihnen während der Nacht zu stark zugesetzt. Ich rufe hinüber zum Zelt des Deutschen. Er fühlt sich ohne die große Gruppe der Polen unsicher, will lieber noch einen Tag zuwarten. Als er jedoch sieht, dass es mir trotz allem ernst ist, macht er sich blitzschnell fertig und beginnt seinen Aufstieg - ohne Frühstück. Mir fehlt jeglicher Appetit, aber ich nehme mir die Zeit, koche Tee und Müsli. Jeder Bissen wird hier in 6000 Metern Höhe zur Mühsal, geduldig würge ich das alles hinunter. Weiter oben werden Erschöpfung und Kälte wohl so groß sein, dass ich mich mit Flüssigem begnügen werde müssen.

Günter, der Deutsche, ist schon eine halbe Stunde unterwegs, als ich mich um halbacht endlich auf den Weg mache. Jeder von uns sucht den einsamen Kampf mit dem Berg. Helfen könnte hier keiner dem anderen und für Gespräche fehlt uns der Atem. Meter um Meter kommen wir höher. Fünfzehn kleine Schritte - Pause. Unser Abstand bleibt konstant. Eine halbe Stunde, das ist nicht viel in dieser Höhe, eine Entfernung von kaum hundert Metern. Wir können genau sehen, was der andere tut. Aufmunternde Gesten bleiben unsere einzige Kommunikation. Gegen ein Uhr mittags wird das Wetter zusehends schlechter. Wolken hüllen den breiten Grat ein, auf dem wir hochsteigen, die Temperatur fällt in erschreckende Tiefen. Mit einem Mal entzieht sich die faszinierende Bergwelt und auch der Pik Lenin selbst unseren Blicken. Günter entscheidet sich hier, etwa 300 Meter unter dem Gipfel, zum Zelt zurückzukehren. Ich bin nun völlig allein, allein mit der Naturgewalt eines Siebentausenders. Ich fühle mich nicht unsicher. Mir bleibt ein Sichtkreis von fünfzig, sechzig Metern und der muss ausreichen, um zum Gipfel zu gelangen.

Allein steige ich höher und doch werde ich von anderen Menschen begleitet. Ich kann ihre Stimmen hören, kann mit ihnen sprechen, ohne mich dabei zu verausgaben. Noch Monate später kann ich mich an einige Gesprächsinhalte erinnern, ebenso an die Nationalität meiner wechselnden Begleiter. Ich kann niemanden sehen. Immer wieder konzentriere ich mich, halte inne, sage zu mir, "Vergiss nicht, du bist allein, niemand ist hier mit dir."

Immer wieder reißen die Wolkenfetzen auseinander und geben für Augenblicke den Berg frei. Ich kann sehen, dass der Gipfel zum Greifen nahe ist. Knapp acht Stunden nach meinem Aufbruch stehe ich auf dem höchsten Punkt. Keine große Euphorie! Ich kann den Erfolg hier mit niemanden teilen. Der Endpunkt all meiner Träume und Bemühungen ist ein Steinhaufen ohne besondere Kennzeichnung. Die Büste Lenins, die für Jahrzehnte den Gipfel zierte, wurde schon vor Jahren entfernt.

Knapp vor Einbruch der Dunkelheit, die Grate und Hänge verlieren ihre Konturen, erreiche ich mein Zelt. Sicherheit und totale Erschöpfung! Keine Kraft zum Kochen, nur ein wenig Flüssigkeit ist mir vom Tag geblieben. Für die nächsten zwei Tage werden die Blutzuckerwerte verrückt spielen. Der Körper muss alle nur denkbaren Reserven anzapfen, er ist ins Schleudern geraten - der Preis für einen Siebentausender.

4000 Meter über der kirgisischen Hochebene - der Gipfel des Pik Lenin Je näher ich dem Grün des Basislagers komme, desto entrückter sind die Mühen der letzten Tage, sie entschwinden im grauen Nebel der Erinnerungslosigkeit. Die Wochen in dieser eisig-schönen Lebenswelt verfließen zu bleibender Faszination. Hinter der Rückkehr in die Normalität wartet ein neuer Aufbruch.