Träume entlang der Seidenstraße

15.09.2008

Mit klingenden Gläsern und Champagnergelage zu Sylvis Geburtstag, hoch oben in den Lüften, starten wir unsere nächste Reise zu dritt, unsere Freundin Doris ist mit dabei. Ziel ist Tadschikistans Hauptstadt Duschanbe...

Zugegeben, die Idee unsere Abenteuer in Afghanistan beginnen zu lassen, klingt zunächst etwas wahnwitzig. Wenn man sich allerdings nicht den undifferenzierten Horrorberichten der heimischen Presse hingibt, sondern kompetente und aktuelle Internetrecherchen aufspürt und sich wie wir in persönlichen Gesprächen mit UNO-Leuten und dem Botschafter in Duschanbe informiert, gewinnt das Unterfangen durchaus realisierbare Formen.

Vergnügt schlendern wir durch die charmante Stadt mit ihren breiten Boulevards, Springbrunnen und grünen Alleen. Schon am nächsten Tag geht es südwärts zur afghanischen Grenze, wo wir gerade zum Beginn der Mittagspause eintreffen. Die Zöllner verkürzen uns mit Scherzen die Wartezeit und servieren uns Tee und Wassermelonen. Ein klappriger Lastwagen bringt uns zur Fähre über den Grenzfluss Amu Darya. Ob wir Probleme hätten, fragt uns zum wiederholten Male der Zöllner dort. Wir versichern ihm, dass alles bestens wäre. „Ein bisschen Geld will er“, übersetzen uns iranische Reisende augenzwinkernd. Na, ein kleines Bakschisch lässt hier jeder springen und da strahlt der Gute…

In Shir Khan Bandar am anderen Ufer ist die offizielle Einreise in ein Land, von dem wir keine Ahnung haben, was uns hier erwartet. Als Sylvi und Doris aussteigen, gibt es einen kleinen Auflauf. „Ihr solltet jetzt vielleicht die Kopftücher nehmen“, raunt Geri. Wir haben ganz drauf vergessen, aber schnell sind die Haare notdürftig verhüllt. Ein alter Mann verbeugt sich tief und zeigt gerührt seine Ehrerbietung. Per Handschlag werden wir vom Kommandanten der Zollwache in Afghanistan willkommen geheißen.

In weiterer Folge wird uns allerorts versichert, dass das Bedecken der Haare kein „Muss“ ist, aber jeder freut sich darüber ob des erwiesenen Respekts. Die meisten einheimischen Frauen tragen in der Öffentlichkeit die alles verhüllende Burka, zu Hause oder am Arbeitsplatz treten sie jedoch in top modischem styling auf, passender Schmuck und perfektes Make-up sind selbstverständlich.

Neugierige und erstaunte Blicke verfolgen uns bei unserem Spaziergang auf der mit winzigen Läden belebten Straße von Kundus - kein Wunder, hierher verirren sich nur selten Individualtouristen. Vorsichtig wagen wir erste Fotos und lösen sofort eine Welle der Begeisterung aus. Fast jeder möchte aufs Bild, empfindet dies als besondere Ehre!
Bei Dunkelheit kommen wir ins Hotel zurück - hellste Aufregung hier, wo wir denn so lange geblieben sind, man hat sich schon Sorgen um uns gemacht…

Hier sind wir nicht Kunden, hier sind wir Gäste. Die Fürsorge um uns bleibt übergroß, am nächsten Tag werden wir zum Bus-Terminal begleitet. Argwöhnisch beäugen wir die fast leeren, klapprigen Minibusse. Die fahren erst los, wenn jeder Sitzplatz doppelt besetzt ist und das kann auch manchmal ein bis zwei Tage dauern. Eine gute Alternative sind die shared taxis, ebenso klapprige PKWs, die nur vier oder fünf Plätze verkaufen, und das nicht teurer als in den Minibussen. Wenn man, wie wir zu dritt, den vierten Sitzplatz dazu kauft, ist man im Nu auf der Piste und kann sich im Gefährt sogar noch rühren. Auf staubiger Straße düsen wir durch eine liebliche Flusslandschaft in die kleine Provinzhauptstadt Faizabad. Als sich das Tal verengt und wir uns auf einer tollkühn in den Fels geschlagenen Piste hinter keuchenden LKWs vorantasten, tief unter uns das Wasser, drohend über uns lose Felsbrocken, da wird die Fahrt so richtig abenteuerlich.

Auch in Faizabad überall freudiges Winken bei unserem Gang durch die schmalen Gassen des Marktes, viele versuchen mit einigen Brocken Englisch mit uns ins Gespräch zu kommen.
Wären wir jeder Einladung nachgekommen, würden wir uns wahrscheinlich heute noch in dem entzückenden Ort aufhalten, plaudernd bei Tee und Süßigkeiten.

Stolz präsentiert sich der bewaffnete Wachposten vor dem Postamt unseren Kameras, drinnen wird der Amtsvorstand, ein würdiger, alter Mann mit langem Bart, von einer heiter quirligen Damenrunde umschwirrt, die über unser Erscheinen äußerst entzückt ist. Wir wollen einige Papierfotos als Ansichtskarten verschicken – eine wahre Sensation. Verstaubte Ordner werden ausgegraben, Bücher und Erlässe studiert, Telefonate mit Kabul geführt, inzwischen werden wir mit Köstlichkeiten verwöhnt und bestens unterhalten. Schließlich wird ein Preis für den Versand ermittelt, Marken gibt es allerdings keine auf diesem Postamt. Aus erwarteten fünf Minuten sind fast zwei Stunden geworden. Alle posieren für das Abschiedsfoto, die blonden Haarsträhnchen werden kunstvoll ins rechte Licht gerückt.

In steilen Kehren windet sich die Staubstraße aufwärts entlang vegetationsloser, glatter Berghänge in ein von wilden Flussschlingen durchzogenes, fruchtbar grünes Hochtal in mehr als 3000 Meter Höhe. Ockerbraune Murmeltiere huschen blitzschnell zwischen ihren Erdlöchern hin und her, schwer beladene Esel ziehen immer wieder an uns vorüber.

Eingebettet in wuchtige Felsen liegt tiefblau und ruhig der Shewa-See. Unweit davon einige Lehmhütten, wo uns ein Lager auf Teppichen angeboten wird. Doris bereitet mit den einheimischen Frauen in der rußigen engen Steinküche Kartoffel zu. Im Gemeinschaftsraum der Männer läuft inzwischen im italienischen TV-Kanal Werbung für Fitnessgeräte mit fast nackten Models - allgemeines Gelächter…

Nachdem wir den Norden Afghanistans ostwärts durchquert haben, kehren wir nach Tadschikistan zurück und quartieren uns in dem Städtchen Khorog in einem Homestay ein, das ist eine Unterkunft, in der die privaten Räume der Familie zur Verfügung gestellt werden, auch manch Leckerbissen wird für uns zubereitet.

Hier lernen wir Thaddäus aus Polen kennen, der ausgezeichnet russisch spricht und uns zu intensiverem Kontakt mit der Bevölkerung verhilft. Tagelang durchstreifen wir mit ihm kleine Dörfer im Wakhan-Tal, werden zu gesalzenem Tee, Brotfladen und frischem Joghurt eingeladen. Die außen unscheinbaren, mit Kuhfladen (Heizmittel) und Satelliten-Schüsseln bedeckten Lehmhäuser bergen in ihrem Inneren riesige, mit kostbaren Teppichen ausgelegte Räume, die mit kunstvoller Einlegearbeit verzierte Möbel beinhalten. Hier übernachten wir auf weichen, liebevoll hergerichteten Matratzenbergen, lange traute Gespräche bei Kerzenschein…
Einziger Wermutstropfen sind die bis zu 500 Meter entfernten, ach so wichtigen Holzhüttchen, ohnehin nur Erdlöcher mit Trittbrettern, und dann sitzt auch noch oft der knurrende Wachhund vor der Tür - zu mitternächtlicher Stunde ein durchaus wagemutiges Unterfangen, zumal die Hausleute schon in tiefem Schlaf liegen!

In mehr als 3000 Metern Höhe folgt die Piste den Kehren der Flusswindungen, oft hoch über dem reißenden Wasser - eine eigentümlich faszinierende Landschaft - mit bunten Flechten überzogene Sandbänke im Talgrund, scheinbar herrenlose Kamelherden auf der Suche nach dem spärlichen Grün, einsame Bergseen, überragt von mächtigen schneebedeckten Fünf- und Sechstausendern. An manchen Tagen treffen wir hier auf kein einziges Fahrzeug.

Knapp vor unserem Ziel, dem kleinen Städtchen Murgab, erreichen wir die 4000 Meter hohen Hochebenen des Pamir. Hier leben mehrheitlich kirgisische Hirten in ihren Jurten und weiden ihre Yak- und Ziegenherden.
Unsere Ankunft im Haus des Bürgermeisters wird von blutrünstigen Straßenkötern überschattet, denn Thaddäus Wade wird Opfer ihrer Aggressivität. Keine Seltenheit hier, wie man uns treuherzig versichert, zum Glück gibt es keine Tollwut in dieser Gegend. Mit Stöcken und Steinen bewaffnet durchstreifen wir die Straßen und den aus alten Sowjetcontainern bestehenden Markt.
Wir staunen über zahlreiche gesichtverhüllte Frauen, denn der Islam wird hier allerorts recht freizügig praktiziert. Des Rätsels Lösung wird uns bald erklärt – eine blasse Gesichtsfarbe ist momentan total „in“!

Wir verabschieden uns von unserem Reisekameraden und organisieren uns bei einer Agentur für Eco-Tourismus ein Fahrzeug für die nächsten Tage. Die geplante Tour muss beim Stadtamt gemeldet werden.
Am Abend pocht es heftig an unserer Tür. Mit unserer Registrierung stimme einiges nicht!
Geri fährt mit den Leuten ins Dorf. Wir haben uns zwar bei einer Behörde registrieren lassen, aber den KGB vergessen! Dies wird nun schnell nachgeholt, aber in das vorgesehene Gebiet dürfen wir nicht, weil der KGB an diesem Tag dort irgendwelche Übungen abhält…
Der Fahrer schlägt vor, trotzdem zu fahren und darüber zu schweigen, was wir anderntags auch tun. Von Übungen ist weit und breit nichts zu sehen – der KGB, ein Relikt aus längst vergangenen Tagen - seine Macht gleicht den dahinschwindenden Nebelschwaden.

Genussvoll wandern wir über die Pshart-Kette. Aus weichen, in allen Farben leuchtenden Weidegründen steigen wir hinauf zu dem von bizarren Felszacken begrenzten 4700 Meter hohen Gumbezkul-Pass, rutschen über Sand und Schollen auf der anderen Seite abwärts und durchwandern das sich endlos erstreckende blumige Tal, erwärmen unsere müden Glieder in einer heißen Quelle und betten uns in einer lauschigen Jurte zur Ruhe.

Auf kleinen Straßen und Pisten reisen wir durch den Pamir, Gipfel an Gipfel reiht sich, in allen Farben schimmernd, Spiel der Sonne und Schatten. Selten begegnen wir Menschen, nur in weiter Ferne einige Jurtenzelte, schillernde Flechten, liebliche Seen…
Vereinzelt tauchen kleine Lehmdörfer auf, zu dieser Jahreszeit fast menschenleer gleichen sie Geistersiedlungen - die meisten sind mit ihren Yaks auf den höher gelegenen Weiden. In einem der Häuschen werden wir begeistert empfangen und köstlich bewirtet.
Gespenstisch mutet auch der am Straßenrand verlaufende kilometerlange Stacheldrahtzaun zur chinesischen Grenze an.
Von der Hauptstraße zweigen wir auf einen holprigen Schotterweg ab, passieren Bäche, gelangen am Ende eines Tales nach Jalang, einer kleinen Jurtensiedlung.
Am nächsten Tag besteigen wir den 5129 Meter hohen Orus Molo. Gewaltig aufgestellte spitze Schollen säumen, einem Irrgarten gleich, den letzten Anstieg am Kamm bis zum Gipfel. Kein langes Verweilen, denn der Wind pfeift gewaltig und wir sind froh, als wir uns abends beim heißen Ofen bei köstlicher Yak-Butter und frisch gebackenem Fladenbrot laben können.

Eingebettet in eine faszinierenden Bergwelt gletscherbedeckter Sechs- und Siebentausender schmiegt sich tiefblau der riesige Karakulsee. Über den 4300 Meter hohen Kyzyl Art-Pass gelangen wir nach Kirgistan. Genaue Kontrollen erwarten uns hier, ein süßer kleiner Drogenhund beschnuppert uns und unser Gepäck. Anschließend bitten uns die Zöllner, sie ins nächste Städtchen, Sary Tash, mitzunehmen.
Das Erscheinungsbild der Dörfer hat sich geändert, die Lehmhäuschen weichen stattlichen Ziegelbauten im alten Sowjetstil, grüne Gärten mit saftigen Marillenbäumen wechseln mit lieblich sanften Bergrunden, einer Märchenlandschaft gleich. Im Süden dominiert die schneebedeckte Pamir-Kette, überragt von der 3000 Meter hohen Nordwand des Pik Lenin.

In der Stadt Osch lassen wir es uns so richtig gut gehen - ein Hotelzimmer vom Feinsten mit Warmwasser ohne Ende, gemütliches Herumschlendern, russischer Sekt und echter Kaviar!

Der abenteuerliche Teil unserer Reise durch Zentralasien endet für uns in Usbekistan – ein modernes Land, komfortable Hotels, Restaurants an jeder Ecke.
Samarkand, das Juwel der alten Seidenstraße - prachtvolle Moscheen und Medresen (Koranschulen), zauberhafte Minarette, kunstvolle Ornamente in allen Farben und Mustern – wir wandeln, schauen, staunen, bis unsere Beine und Augen müde sind…

Für Doris ist nun die Zeit des Abschieds gekommen, Sylvi und Geri reisen weiter nach Bukhara und Xiva – alte von Lehmmauern umgebene Städte inmitten der Wüste, deren fantastische Bauwerke Zeugnis vom längst vergangenen Wohlstand der Seidenstraße geben.

Eine Woche später tauschen Sylvi und Geri die karge Steppe Usbekistans gegen die grüne Bergwelt des Attersees. Ein dreijähriger Wirbelwind namens Aimée, Sylvis Enkeltochter, sorgt dafür, dass die beiden nicht allzu abrupt in völligem Nichtstun versinken…