Wosats verlorene Welt

Auszug aus dem Kapitel

Ich hatte mir weiße Sandstrände erwartet, mit Palmen im Hintergrund, ich hatte auf farbenfrohe Riffe und aufregende Tauchgänge gehofft. Darum war ich in die Südsee geflogen, in den kleinen Inselstaat Vanuatu.

Ich fand tatsächlich alles, was ich mir von diesem Land erhofft hatte. Und ich fand auch, womit ich vorher nicht gerechnet hatte. Es gibt in Vanuatu auch eine Welt über dem Wasser, oft fernab von den weißen Stränden, in den Bergen, überwuchert von schier undurchdringbarem Regenwald. Diese Welt über dem Wasser war nicht immer einfach zu erreichen, oft mußte ich viele Stunden und Tage zu Fuß gehen, aber jede Stunde war es wert gewesen.

Der dichtbewachsene Hang fällt steil ab, darunter das Meer, eine Bucht mit Riffen. Ich lasse das Meer hinter mir und steige einen breiten Weg bergan. Rechts und links des Weges sind die Schmalseiten länglicher, rechteckiger Hütten angeordnet, die Blätterdächer hängen tief, teilweise fast zum Boden herab. Die winzigen Eingangsöffnungen sind durch verkrüppelte Baumstämme halb versperrt, sodaß das Eintreten in solch eine Hütte fast einer Kletterei gleichkommt. Kinder springen um mich herum, lachen, gestikulieren, wollen mir dies und jenes zeigen. Auch zwei ältere Knaben begleiten mich. Sie sind meine eigentlichen Führer durch das Dorf, können mir Antwort auf viele Fragen geben, können mir einiges erklären. Immer wieder begegne ich Erwachsenen. Obwohl ich erst seit zwei Tagen im Dorf bin, bin ich kein Fremder mehr. Alle kommen auf mich zu, begrüßen mich, wechseln einige Worte mit mir. Ich steige weiter den Hang hinauf.

Bebe, einer der beiden Jungen, hält mich am Arm und sagt: "Wosat will dich sprechen!" Ich stocke kurz. Was heißt das? Jeder, der mich sprechen wollte, ist zu mir gekommen. Und auch alle anderen sind zu mir gekommen, alle Männer des Dorfes. Stundenlang sind sie bei mir gestanden und haben nur dem Treiben zugeschaut, während Häuptling Varisul und einige Männer, die Bislama, die Verkehrssprache Vanuatus beherrschen, mit mir geplaudert haben.

Wer ist Wosat?

Ich gehe auf seine Hütte zu. Sie ist dunkler als die anderen Hütten, ihr Blätterdach ist schon längere Zeit nicht erneuert worden. Ich klettere über die vielen Baumstämme vor der Hütte durch den winzigen Einlaß in den dunklen Innenraum. Rechts neben dem Eingang sitzt eine alte Frau auf dem Boden und bereitet ein Mahl aus Yams-Knollen zu. Ich begrüße sie freundlich, doch sie beachtet mich kaum. Ich bin etwas verunsichert. Ein starker Kontrast zu der in diesem Dorf sonst so überschwenglichen Anteilnahme an meiner Person.

Über eine kleine Erdstufe steige ich in den leicht erhöhten hinteren Teil der Hütte, der von Frauen nicht betreten werden darf. Auf dem Boden glost ein Feuer, darauf liegen zwei an ihren Enden verschlossene etwa sechzig Zentimeter lange Bambusrohre, das Kochgeschirr der Menschen von Bunlap. Neben dem Feuer hockt ein alter Mann, in sich versunken blickt er in die Glut, so als ob er schon längst wieder vergessen hätte, daß er mich hat rufen lassen. Er ist genauso "bekleidet" wie alle anderen Männer in Bunlap auch. Ein Blatt bedeckt seinen Penis, das durch einen Gürtel aus Rinde festgehalten wird. Er wirkt unserer Zeit weit mehr entrückt als die anderen Menschen dieses Dorfes. Mit seiner rechten Hand umklammert er einen schwarzen Holzstab, der am oberen Ende verdickt ist und feine Schnitzereien aufweist.

Mit einem freundlichen Gruß wecke ich Wosat aus seiner Gedankenverlorenheit. Er versteht kein Bislama. Ein junger Mann, der sich ebenfalls in der Hütte befindet, übersetzt meinen Gruß. Wosat antwortet mir in seiner lokalen Sprache, und ich glaube, dabei einen Anflug von Lächeln auf seinem Gesicht erkennen zu können. Normalerweise fällt es mir nicht schwer, ein Gespräch zu beginnen. Aber Wosat lebt im Schweigen, und so hocke ich mich einfach ihm gegenüber ans Feuer, blicke auf ihn, blicke in die Glut.

Langsam beginne ich auch das wahrzunehmen, was Wosat umgibt, das Innere seiner Hütte, die Gegenstände, die umherliegen. Einige aus Kokosnüssen hergestellte Trinkgefäße liegen am Boden verstreut, in der Ecke steht ein Gefäß, in dem die Kava-Wurzeln gestampft werden, an der Wand steht eine Liege, aus verkrüppelten Ästen hergestellt, eines Fakirs würdig. All das findet sich auch in anderen Hütten, auch dort, wo ich derzeit wohne. Aber in allen Hütten habe ich irgendetwas gefunden, was der Neuzeit zugehört, einen Topf aus Metall, ein T-Shirt, eine Short, eine Machete. Ein junger Mann besitzt sogar ein altes Transistor-Radio. Nichts von all dem in Wosats Hütte! Seine Hütte hätte vor zwei- oder dreitausend Jahren nicht anders ausgesehen. Hier ist nichts, was an das 20. Jahrhundert erinnern könnte. Wirklich nichts? Wosat kramt in einem Behältnis, das er aus Blättern gefaltet hat. Er findet etwas, hält es mir entgegen. Es ist eine Münze. Ich sehe sie genauer an. Es ist eine englische Münze aus dem Jahr 1912 mit dem Bildnis von König George V. Sie ist mehr als achtzig Jahre alt, älter als Wosat. Er muß sie sein ganzes Leben lang hier aufbewahrt haben, seine einzige Verbindung zur Welt der Weißen. Mein bewunderndes Staunen scheint Wosat Freude zu bereiten. Wosat und seine Münze - beides Relikte aus einer Zeit, die es eigentlich nicht mehr gibt, die schon längst verlorengegangen ist.

Fein säuberlich verpackt Wosat wieder seine Münze und greift erneut zu seinem geschnitzten Stab, umfaßt ihn fest mit seiner Rechten. Fragend fixiert mein Blick diesen Stab, ich wage die Frage. Überraschend freimütig gibt mir Wosat Auskunft: Der verdickte, geschnitzte Knauf dient dazu, den Schädel von Gefangenen zu zertrümmern, bevor man sie verspeist. Das darf doch nicht wahr sein! Die letzten Fälle von Kannibalismus in dieser Gegend liegen wohl schon über zwanzig Jahre zurück, aber Wosat hält seinen Stab noch immer fest in seiner rechten Hand.

Ist die Neuzeit nur ein störendes Intermezzo, wird die alte Zeit zurückkommen, oder wird die Zeit Wosat endgültig fallenlassen? Wosat verläßt kaum noch seine Hütte, nur sehr selten besucht er das Nakamal, nur hier in seiner Hütte ist ihm alles vertraut.

Seit geraumer Zeit bin ich nun bei Wosat. Draußen höre ich die Stimmen vieler Dorfbewohner. Sie haben erfahren, daß ich bei Wosat bin und wollen das irgendwie miterleben. Aber sie wagen sich nicht in die Hütte. Nur einer kommt herein. Es ist Häuptling Varisul, mit seiner Tochter am Arm. Er bleibt im vorderen Teil der Hütte stehen, denn auch ein kleines Mädchen darf nicht in den erhöhten Teil der Hütte.

Es ist Zeit, Wosat zu verlassen. Varisul und ich steigen aus der Hütte. Im Eingang drehe ich mich noch einmal um. Wosat lächelt und hebt die Hand. Seine Frau blickt auch bei meinem Abschied kaum auf. Ich werde Menschen wie Wosat und seiner Frau nicht mehr oft in meinem Leben begegnen, die Zeit wird sie unbarmherzig auslöschen.

Ich kann kaum meinen Blick von diesem alten Paar losreißen - ein vergilbtes Bild von Adam und Eva in ihren letzten Jahren. Wenn sie sterben, wird ein Kapitel der Geschichte geschlossen werden, und ich war dann wohl einer der letzten, der noch darin hatte lesen dürfen.

...Fortsetzung im Buch