Luftige Abenteuer

07.09.2007

In luftigen Hoehen faengt unsere Reise an, und damit ist nicht nur der Kurzflug nach Frankfurt und der 11 stuendige Flug nach Singapur gemeint, sondern vor allem unser Aufenthalt in den hohen Wohn- und Buerotuermen von Rainer, einem meiner aeltesten Freunde, mit ihm bin ich aufgewachsen.

Er leitet hier die RZB-Filiale und wir erhalten Einblick in seine Welt und das Flair dieser Weltklasse-Stadt.
Vor vollem Haus halte ich meinen Vortrag ueber meine Everest-Besteigung, darunter viele Europaeer, die es gescharftlich hierher verschlagen hat - in der RZB-Filiale im 38. Stock, knapp 200 m ueber dem Meer.

Gerade rechtzeitig zu den 50 Jahre Unabhaengigkeitsfeiern werden wir nach Kota Kinabalu, Hauptstadt von Sabah/Borneo eingeflogen und halten auch weiterhin auf hohem Kurs...
Wir besteigen den Mount Kinabalu, mit 4095 m der horchste Berg Suedost-Asiens. Aehnlich wie beim Kilimanjaro durchsteigt man hier etliche Vegetationszonen, ehe man in 3600 m Hoehe freies felsiges Gelaende erreicht. Kurz vor Sonnenaufgang erreichen wir den Gipfel und geniessen das Farbenspiel des aufsteigenden Feuerballs. In leuchtenden Rottoenen faerben sich ringsum alle weiteren Felsformationen.

Kaum von den Muehen des 2200m-Abstiegs erholt, brechen wir in den Regenwald am groessten der Fluesse, dem Kinabatangan auf. Mit Bus und Boot erreichen wir ein einfaches Dschungelcamp. In auf Pfaehlen gebauten Holzhuetten fuer jeweils 6 Personen sind Matten und Moskitonetze ausgelegt.
Auf Morgen- und Nachtfahrten mit dem Boot und Tages- und Nachtwanderungen durch den Dschungel beobachten wir seltene Vogelarten, amuesieren uns ueber sportlich flotte Affen, vor allem die nur hier ansaessigen Nasenaffen, lassen handgrosse Skorpione ueber unsere Arme laufen - im Flachen koennen sie nicht stechen - , stoebern winzige nachtleuchtende Spiders auf und eine riesige neuentdeckte Spinne, benannt Uncle Tan, werden ueber giftige Froesche und essbare Blaetter unterwiesen, streichen ueber Tausendfuessler, die dann nach Marzipan duften und Wuermer, die sich zu Kugeln einrollen... und gleiten sachte an den in der Nacht rot leuchtenden Augenpaaren der am Ufer lauernden Krokodile vorbei .
Den Hoehepunkt bilden zweifelsohne die Elefanten! Schon auf der Fahrt zum Camp treffen wir auf eine Gruppe kleinerer, die sich spielend gegenseitig ins Wasser treten.
Nun wollen wir sie wieder aufspueren - aber vergeblich, sie sind nicht zu finden! Ein letzter Versuch, Geri springt vom Boot, arbeitet sich muehsam die schlammige Boeschung hoch - und blickt ins Auge eines riesigen Dickhaeuters! Eigentlich will er gleich wieder abhauen, aber da erreicht auch der Guide die Anhoehe und ist ziemlich relaxt - also ist er auch schnell beruhigt. Eine Herde von ca. 60 Stueck zieht an uns vorbei, manche blicken neugierig her, andere stampfen bis 2 Meter heran, immer wieder gibt unser Guide das Zeichen zum Rueckzug, dann purzeln wir die Boeschung hinunter, hieven uns abermals hoch, schliesslich wills so ein Halbstarker genau wissen und laesst sich vom Guide nicht abwimmeln. Wir fluechten zum Boot und er rutscht uns die Boeschung runter nach. Noch von Ferne sehen wir, wie er Muehe hat wieder hinaufzukommen...
In einem kleinen Seitenarm lauern wir dann in der Dunkelheit auf die Herde, die hier die Furt schwimmend ueberquert.

Nur wenige Stunden vom Dschungelcamp entfernt liegt weit draussen am Meer ein weiteres Highlight dieses abwechslungsreichen Landes. Die Insel Sipadan, umgeben von einem der schoensten Riffe der Welt. Klar, dass wir hier fuer einige Tage halten muessen und in die Unterwasserwelt hinabtauchen.

PS.: Geri faehrt traumhaft hier mit seiner erprobten Diabetes-Therapie (Insulin und Diabion Glucostop). Obwohl der Aufenthalt in Borneo nur selten koerperlich anstrengend ist, ist der Insulin-Bedarf extrem gering.

 

In waessrigen Gefilden

21.09.2007

Trauminselchen Sipadan - zum Barracudariff hinabtauchen...
...schillernde Farben, vielfaeltige Formen - ein unglaublicher Sinnenrausch,
wir schweben durch eine Wand von Fischen, ziehen mit ihnen im Strom, achten darauf den riesigen Wasserschildkroeten rechtzeitig auszuweichen, denn in dieser faszinierenden, geheimnisvollen Unterwasserwelt sind sie die Herrschenden...

Schnorcheln und tauchen am Barracuda Point auf der Insel Sipadan, fuer Sylvi zum ersten Mal, wir sind ueberwaeltigt von diesem Teil des Universums : Haie, Barracudas, Triggerfische, Moraenen, Krokodilfische - und natuerlich bezaubernde Korallenpalaeste !

Mit einem Minibus geht es von Semporna weiter nach Tawau, Palmenplantagen soweit das Auge reicht. Hier muessen wir in einen 4Wheeldrive umsteigen, denn wir queren das Land auf einem schlammigen Weg, der irgendwann einmal eine Strasse werden soll. Die fast 11stuendige Fahrt durch unberuehrten Regenwald ist ein eigenes Erlebnis, zur Pause werden wir gezwungen, weil ein LKW vor uns im tiefen Schlamm steckengeblieben ist.

Zur Kueste nach Sipitang gelangen wir die restliche Strecke nur mit einem Privat-Taxi, hier gibt es keinen oeffentlichen Verkehr. Dort besteigen wir einen kleinen Kutter, mit uns noch 10 Einheimische - und jede Menge Saecke voll suesslich stinkender stacheliger Durians (in den meistens Hotels verboten!). Schon kurz nach dem Auslaufen ist klar, dass dies keine Vergnuegungsfahrt wird. Das Boot schlaegt hart auf den hohen Wellen auf, fuer einige einheimische Maegen zu hart...

Durchgeschuettelt erreichen wir nach ueber einer Stunde die Insel Labuan und entspannen uns bei der Weiterfahrt auf der komfortablen Faehre nach Brunei.

Im Zentrum der Hauptstadt Bandar Seri Bagawan finden wir schnell ein nettes Hostel. Fast die Haelfte der Einwohner lebt in den "Wasserdoerfern". Haeuser auf Pfaehlen, durch Stege untereinander verbunden, "Wasertaxis" zischen in den Kanaelen umher. Manch blumengeschmuecktes Haeuschen, mit schnurrender Katze davor, erinnert an unsere Kleingartensiedlungen.

Im Oman haben wir seinerzeit den Botschafter von Brunei kennengelernt, er laedt uns zum Lunch ein und stellt uns seinen Chauffeur zu einer Rundfahrt zur Verfuegung : Wir ziehen durchs Botschaftsviertel, zur beruehmten Hassanal Bolkiah-Moschee, zum groesten Palast der Welt - 1680 Zimmer (man stelle sich das Fensterputzen vor!). Eben verlaesst der Sultan sein Anwesen, im kleinen Privatauto, selbst am Steuer, mit T shirt bekleidet...
Zuletzt wandelm wir in den Hallendes pompoesen Empire-Hotels, ein Zimmer noch vor kurzem um 11.000 Euro zu haben, kein Wunder, dass der Konkurs bevorsteht.

Anderentags beschliessen wir unseren Besuch in diesem Land mit einem Ausflug in die Provinz Temburong, wo wir den 300m hohen Bukit Patoi erwandern, ein geologisch und botanisch interessantes Gebiet - und wir sind hier ganz allein in einem faszinierenden Regenwald unterwegs.
Auf dem Wasserweg gehts wieder nach Malaysia - Kota Kinabalu.

Unser letztes Abenteuer fuehrt uns zunaechst mit der alten Schmalspur-Dschungelbahn entlang des Flusses Padas. Immer wieder verfolgen wir, auf einer eisernen Plattform sitzend die teils wild sprudelnden Stromschnellen, denn bei der Endstation angelangt, gehts ans - Raften!
Zusammen mit 2 Guides und 6 Cinesen wagen wir erstmals dieses Experiment. Zunaechst geht auch alles gut und wir meistern die Stromschnellen mit Bravour (Schwierigkeitsgrad 3 von 5!), aber dann - beim der Cobra Point Schnelle passierts - hebt es uns urploetzlich aus und wir landen alle im Wasser. Leider kollidiert Geri heftig mit einem mittleren Felsbrocken und muss am naechsten Tag am Knoechel genaeht werden - offensichtlich besichtigt er lieber Krankenhaeuser als Museen... Aber alles in allem wars trotzdem ein Riesenspass, allerdings ein ziemlich unberechenbarer!!

Ueber Singapur fliegen wir nun nach Manado/ Indonesien, wo wir uns etwas laenger als geplant aufhalten wollen : ausheilen, ausspannen, planen, organisieren.. fuer Sonntag, 23.9. haben wir den Flug nach Jayapura gebucht und wenn die Naehte entfernt sind, verschwinden wir in Irian Jaya/ Neuguinea fuer 40 Tage im Dschungel...

 

 

Verzoegerungen

27.09.2007

Manado - eine quirrlige Kleinstadt an der Kueste, angeblch sausen hier mehr Microlets als Menschen umher, Minibusse mit offenen Tueren, man streckt nur die Hand aus, Zu- und Ausstieg ueberall moeglich.

3 Tage verbringen wir hier in einem netten Hotel, neben uns sind einige Papuas einquartiert, fuer Sylvi der erste Kontakt, gleich sehr herzlch, denn die Damen koennen gar nicht aufhoeren mit Umarmungen, Streicheln, Fotos.
In diesem Teil Indonesiens ist man stolz darauf, dass viele Religionen friedlich nebeneinander existieren, das Srassenbild ist gepraegt von Frauen sowohl mit Kopftuechern als auch freizuegig bekleideten.
Der aus Salzburg stammende Divemaster Roman laedt uns, zusammen mit seiner Frau Lucy, bei Marillen- und Nussschnaps, zu einem gemuetlichen Abend mit interessanten Gespraechen in sein wunderschoenes Haus ein.
Sonntag Frueh besteigen wir das Flugzeug nach Sentani/Jayapura, Hauptstadt Irian Jayas (Westpapua). Der Flug wird zu einem aufregenden, langwierigen Unterfangen, zweimal ist eine Zwischenlandung vorgesehen, aber in Timika setzt der Pilot mehrmals zur Landung an, wir sind schon knapp ueber den Baumwipfeln, und zieht wieder hoch - Wind und ein dichtes Wolkenmeer - daher wird zunaechst auf eine Nachbarinsel ausgewichen.
Neuguinea empfaengt uns - wie kann es auch anders sein - mit Nieselregen.
Sentani ist mit Schwechat vergleichbar, ein verschlafener Ort. Am Abend spazieren wir durch lauschige Gaesschen, ueberall Kerzenschein, Gitarremusik, Maenner sitzen in Gruppen zusammen.
Der Frust kommt am naechsten Tag im auf einer Anhoehe gelegenen stattlichen Krankenhaus: Nur zwei Naehte koennen erstmals entfernt werden, der Rest muss noch heilen.
Trotzdem nehmen wir 2 Tage spaeter die kleine Propellermaschine nach Wamena, 1600m hoch in den Bergen gelegen, um wenigstens dem Ausgangspunkt unseres Aufbruchs naeher zu kommen. Aber auch hier schuettelt der lokale Arzt den Kopf, der Fuss ist zwar nicht mehr so stark angeschwollen, die Wunde muss jedoch noch besser trocknen, Wundheilungen im Dschungel dauern gewoehnlich laenger, weitere Tage des Harrens sind angesagt...
Wamena ist ein idyllischer Flecken, obwohl uns im Vorfeld etliche Schauergeschichten ueber Unruhen erreicht haben, zu merken ist allerdings, ausser einer starken Praesenz der Polizei rund um das Marktgebiet, nicht viel.
Ungewoehnlich hier das Sammelsurium an diversen Gestalten, eingehuellte Frauen, nackte, nur mit einem Peniskoecher bekleidete Papuas, dazwischen herumflitzende Radrikschas - ungewoehnlich auch das Musikpotpourrie, von allen moeglichen Ecken toenen christliche Gesaenge, Missionare haben in einigen Restaurants riesige Leinwaende installiert, auf denen das Leben Jesu flimmert, dazwischen die Rufe der Muezzins von den Moscheen, aus einigen Lautsprechern hoert man Country Music, Popmusik, Papua Lieder...
Trotz dieser Buntheit, Freundlichkeit, uns zieht es in den Dschungel, wir wollen losstapfen, in die Einsamkeit, den Ursprung suchen - den "Gehbrief", Genehmigungen fuer die zu bewandernden Gebiete, haben wir schon - vielleicht am Montag, 1.Oktober.....

 

Wald der Geister

17.10.2007

Am 29. September werden Geris Naehte entgueltig entfernt, einige Stunden spaeter taucht Guide Isak wie aus dem Nichts auf.Die Steinkorowai wuerden wir gerne besuchen? Why not? Und schon sind wir gefangen! Als Bergland-Papua sind auch fuer ihn einige Teile der Route im suedlichen Tiefland neu, aber er hat Zugang zu den Korowai und moechte mit ihrer Hilfe einen unerschlossenen Zugang zu den Steinkorowai finden.

Die kleine Maschine gleitet ueber den Baliem-Fluss, bald wird das Tal enger, die gruenen Berggrate ruecken naeher, kaum erkennbare Wege, liebliche Doerfer und Rundhuetten. Hier leben die Dani und Yali, Voelker, von deren Existenz vor 70 Jahren noch niemand wusste. Dann stuerzt der Baliem abrupt 1000m in die Tiefe, hinein in den dampfenden Regenwald der Tiefebene.
Wir landen in Yakuhimo (Dekai), einige Bretterbuden, daneben unzaehlige Baumaschinen - hier soll das neue indonesische Verwaltungszentrum entstehen, fuer Voelker, die noch nie verwaltet wurden.
Isak treibt einen Einbaum mit Motor auf, unser Gepaeck wird verstaut, und dann schippern wir einen ganzen Tag die traegen Maeander des geheimnisvollen Brazza-Flusses hinunter, an den Ufern nichts als undurchdringbarer Urwald. Hin und wieder tauchen Rattan-Huetten auf, winkende Menschen in winzigen Einbaeumen.
Am selben Tag erreichen wir den maechtigen Siriat (Eilanden), dem wir stromaufwaerts folgen.
Die Abendsonne ueberzieht den Fluss mit einem zauberhaften, roetlichen Schleier, als wir in Sepenag das Boot an Land ziehen, letzter Vorposten der Zivilisation. Freudig werden wir von den Citak begruesst. Das Dorf besitzt eine Volksschule, womit auch unsere Unterkunft gesichert ist - wir errichten unser Lager im Klassenzimmer.
Wenige Kilometer oestlich beginnt das Gebiet der Korowai. Diese Menschen lebten bis vor einigen Jahren voellig unberuehrt von der Aussenwelt. Nur wenige Gueter unserer Welt, meist einfache Kleidung, Toepfe und Macheten, sind in ihre Lebenswelt eingesickert. Fast unberuehrt vom Wandel der Zeiten leben die Menschen dort in ihren traditionellen Baumhaeusern, jagen Voegel, Fische, Schildkroeten, Warane mit Pfeil und Bogen, leben von der Sagopalme - und fuerchten die Geister des Waldes!
Nur die westlichen Clans erlauben Fremden den Zutritt in ihr Gebiet,im Osten verlaeuft eine unsichtbare Grenze, die Pacification Line. Dahinter leben etwa 50 Grossfamilien - die Steinkorowai.
Zu Mittag des naechsten Tages erreichen wir Mabul, das erste Dorf der Korowai. Isak stellt eine Mannschaft aus Traegern und Koch zusammen und binnen kuerzester Zeit sind wir vom dampfenden Regenwald verschlungen.
Knietiefer Schlamm, Fluesse, ueber die wir auf duennen Staemmen balancieren, tausende Stechmuecken, Blutegeln - der Schweiss rinnt uns bald aus allen Poren, das ungewohnte Klima macht uns zu schaffen, jeder Schritt bedeutet Anstrengung, wir sind froh, als wir am Nachmittag unsere Schlafstelle, eine verlassene Palmhuette erreichen.
Aengstlich wachen Isak und seine Maenner ueber uns, denn es koennten feindliche Korowai auftauchen. Jeder fuerchtet sich vor jedem und Schauergeschichten machen die Runde, doch unsere Feinde sind wohl eher die zahllosen Bremsen, Ameisen und Spinnen...
Am naechsten Tag schaffen wir es bis Baigon. Hier leben 3 Familien in ihren Baumhaeusern. Anfangs scheu, nehmen uns die Korowai freundlich auf und versorgen uns mit ihren Koestlichkeiten - Fladen aus Sagomehl, Papageienfleisch und Sagowuermer (Maden). Unterschlupf finden wir wieder in einer verlassenen Palmhuette.
Die Dunkelheit treibt alle in ihre Behausungen zurueck, die Nacht ist erfuellt mit geheimnisvollen Lauten, die Geister dominieren nun...
Als wir noch schnell im Fluss ein Bad nehmen wollen, haelt uns Isak erschrocken zurueck. Friedlich haben uns die Menschen hier am Tag aufgenommen, doch in der Nacht herrschen eigene Gesetze, ueberwiegt die Angst. In welche Wesen moegen sich die Weissen wohl in der Dunkelheit verwandeln? Ihre Furcht kann fuer uns zur Gefahr werden.
Auch am naechsten Tag bleiben wir hier und erleben den Alltag der Korowai, wie sie auf Jagd gehen, Sagowuermer ernten, Feuer machen, johlend in bis zu 20 m hohe Baumhaeuser klettern.

Auf der Suche nach den Steinkorowai
Geris Wunde ist leider wieder offen, der Fuss stark angeschwollen und bedarf weiterer Ruhe.
Nach langem Ueberreden ist Isak bereit mit weiteren 5 Korowai von hier mit mir allein weiterzuziehen. War der Pfad bis jetzt schon muehsam genug, erlebe ich nun fast undurchdringliches Dickicht, dem man nur mit Macheten Herr wird. Endlos morastige Suempfe, abenteuerliche Balanceakte, zweimal gehe ich unfreiwillig "baden". Allerdings habe ich mich inzwischen einigermassen an die klimatische Herausforderung angepasst und bereits zu Mittag sind wir in Wayal angelangt, das erste Dorf der Steinkorowai, direkt an der Grenze zur Welt jenseits, Eintauchen in eine steinzeitliche Lebenswelt...
Isak moechte hier bleiben, aber ich draenge weiter. Mit Burschen aus diesem Dorf streifen wir den ganzen Nachmittag durch die Wildnis, auf der Suche nach einem bestimmten Steinkorowai, der Kontakt zum naechsten Dorf hat und uns weiterfuehren koennte. Nach Stunden finden wir endlich sein Baumhaus und seine Frau, der wir uns allerdings nicht naehern duerfen, zu gross ist ihre Angst.
Um 18 Uhr wird es bereits stockdunkel und wir beeilen uns nach Wayal zurueck. Ich erhalte meinen Schlafplatz im Baumhaus, in der Naehe der Feuerstelle. Nur durch eine duenne Wand getrennt, befindet sich das Abteil der Frauen, Kinder, Hunde und - Schweine. Neugierig kommen mich ein Maedchen und ihre Mutter ueber den Zugang einer Veranda besuchen, streichen staunend immer wieder ueber meine Haare und Haut.
Gelaechter und Tratsch in voelliger Dunkelheit, ueber mehrere Baumhaeuser hinweg, halten mich bis weit nach Mitternacht vom Schlaf ab, dies setzt sich bei der Morgendaemmerung um 5 Uhr frueh fort.
Besuch ist bereits da, "unser" Steinkorowai ist gekommen, wir koennen zum naechsten Dorf vorstossen, sein Bruder wird uns fuehren.
Wieder arbeiten wir uns durch den Dschungel, immer wieder werden Aeste geknickt, der Pfad markiert. Am Nachmittag entdecken wir endlich Rauch aus fernen Baumhaeusern aufsteigen. Wir haben Nanagaton erreicht, ein Ort, von dessen Existenz die Welt bisher nichts wusste. Wir quartieren uns zunaechst in einem leerstehenden Baumhaus ein, ein Trupp wird vorgeschickt, kommt allerdings mit der Botschaft zurueck, dass sich die Leute fuerchten.
Enttaeuscht richte ich auf der 8 m hohen Veranda meinen Schlafplatz ein.
Die Nacht bricht an. Unzaehlige Gluehwuermchen schweben ueber der Lichtung, ueber mir ein prachtvoller Sternenhimmel. Da taucht ein gluehender Baumscheit auf, ein Mann aus dem Dorf hat sich hierhergewagt!
Er verschwindet sofort im Inneren der Huette, schaut immer wieder verstohlen heraus. Nach einiger Zeit verlaesst er uns genauso lautlos wie er gekommen ist.
Die Nacht darauf wird mir fast zum Verhaengnis! Einer der Burschen hat seine schwerkranke Frau mitgeschleppt. Sie hustet, spuckt, wimmert ohne Unterlass. Isak hindert mich ihr Medikamente zu geben, wenn sie stirbt, haette ich ein Problem, denn dann waere ich auf jeden Fall schuld an ihrem Tod, denn am Tod ist immer ein anderer Mensch schuld, der getoetet werden muss...
Geraedert treten wir um 7 Uhr am Morgen den Rueckweg an, das Paar bleibt zurueck. Da erscheint unser naechtlicher Besucher wieder, er ist bereit uns einen anderen Weg zurueckzufuehren. Welch eine Begegnung!
Wieder fuehren wir den Kampf gegen Schlingen und Fallen der Natur, es ist der haerteste bis jetzt.
Nach einigen Stunden moechte ich wissen, wie weit es noch ist, die Uebersetzungskette nimmt ihren Gang. "Es faengt an nahe zu sein" ist die Antwort, nach einer weiteren Stunde "Es faengt an wirklich nahe zu sein" - und dauert abermals eine Stunde. Ich weiss ja laengst, dass es hier keine Zeitbegriffe gibt, Stunden werden zu Tagen und umgekehrt, auch mein Versuch Vergleiche zu schaffen, scheitert.
Verdreckt, zerstochen, zerschunden, von Floehen zerbissen und restlos erschoepft, aber zufrieden, falle ich Geri am Nachmittag in die Arme.
Das ganze Dorf ist auf den Beinen und feiert unsere Rueckkehr mit koestlichen Flusskrabben. Als ich auch noch die letzten Stachel aus meinen Armen entfernt habe, steht einem erholsamen Schlaf nichts mehr im Weg.

Schon am naechsten Tag wird erneut gefeiert, unsere Abschied, mit vielen gegenseitigen Geschenken. Nun geht es nach Mabul zurueck. Dort besteigen wir einen 6 m langen und nur einen halben Meter breiten Einbaum. 3 Paddler wollen uns in 12 stuendiger Fahrt nach Suarto bringen. Aber schon nach 3 Stunden ist die Fahrt zu Ende, zu heftig prasselt der Regen, wir kommen mit dem Ausschoepfen nicht mehr nach und unser Gepaeck scheint zu Brei zu verklumpen. In Sepenag steigen wir in ein Motorboot um.
Doch auch in Suarto ist uns das Glueck nicht hold, das Faehrschiff ist am Vortag explodiert. Ein riesiger Lastkahn nimmt uns auf, 2 Tage soll die Fahrt dauern, doch dann bleibt der Frachter bei nur einem Meter Wasserstand stecken. Erst am 4.Tag kommt zufaellig ein Boot vorbei, das uns nach langem Ueberreden aufnimmt und nach Yakuhimo bringt.
Am naechsten Tag fliegen wir nach Wamena zurueck.
2 Tage werden wir uns nun hier sanieren, bevor wir erneut in den Dschungel aufbrechen, nun wollen wir noch das Bergland erkunden...

 

 

Wildes Bergland der Papua

02.11.2007

Ein kleiner See, hoch oben in den Bergen, begrenzt von undurchdringbarem Dschungel, im Sueden ragt ein Berg fast 5000 m auf, ein abgeschiedener Ort, unbewohnt.
Der Abenteurer Rich Archbold landet in dieser Idylle mit seinem Wasserflugzeug. Da tauchen aus dem dichten Ufergestruepp schwarze Menschen auf, nackt, mit riesigen Penisfutteralen, bewaffnet mit Pfeil und Bogen, und doch friedlich. Man schreibt den 23. Juni 1938.
Tausende Menschen lebten hier voellig unberuehrt von der Aussenwelt, niemand ahnte etwas von ihrer Existenz.

Nach den Wirren des 2. Weltkriegs besinnen sich die Hollaender ihres Kolonialanspruchs auf West-Neuguinea und errichten kleine Posten.
Auch die unverzueglich vorstossenden Missionare finden reichlich Naehrboden in den Menschen, die oft schnell bereit sind einer sie beaengstigenden Geisterwelt mit Stammesfehden und Kopfjagd zu entfliehen.
Nach dem Abzug der Hollaender besetzen die Indonesier dieses Land und suchen hier neue Siedlungsgebiete fuer ihre uebervoelkerten Stamminseln. Die aus der Steinzeit erwachenden Papua begreifen langsam die drohende Fremdbestimmung - Quelle zahlloser gewalttaetiger Konflikte...

Liebliche Bergeshoehen, romantische Pfade, die sich dahinschlaengeln, so hat sich uns die Gebirgswelt vom Flugzeug aus dargestellt, aber hier gibt es kaum ebene Wege, steil und rutschig fuehren die Pfade fast senkrecht bergauf und bergab.
Am Sonntag, 20.Oktober, brechen wir mit dem Jeep nach Kurima auf, eine Strecke, die Geri vor 23 Jahren noch zu Fuss gehen musste.
Die erste Trekkingetappe nach Wamerek fuehrt uns zunaechst gemaechlich an Suesskartoffel- und Taropflanzungen, begrenzt durch kleine Steinmaeuerchen, ueber die wir immer wieder klettern muessen, vorbei, durch malerische Doerfer mit Rundhuetten fuer die Maenner, laengliche Huetten fuer Frauen, Kinder und Schweine - ein putziger Anblick wie im Bilderbuch.
Auf den Feldern arbeiten Maenner mit hoelzernen Grabstoecken, nur mit ihrem Penisfutteral bekleidet. Nur etwa 30km entfernt kann man BBC World empfangen und im Internet surfen. Die neue Welt ist hier nicht unbekannt, doch besonders die aelteren Menschen sehen wenig Anlass, den seit Ewigkeiten bewaehrten Lebensformen den Ruecken zu kehren.
In einer Rundhuette sitzen wir abends, auf weichem Heu gebettet, bei offenem Feuer und Kerzenschein, geniessen die leckeren Ubis (Suesskartoffel), plaudern mit den Einheimischen, lauschen den Gesaengen der Dani.

Am naechsten Tag steht uns ein moerderisch steiler Aufstieg bevor. Muede und hungrig erreichen wir das terassenfoermig angelegte Doerfchen Wesegalep - trotzdem noch lange vor den Traegern und Isak, den wir diesmal als Koch mitgenommen haben.
Freudig werden wir in die Huetten eingeladen und bei den doerflichen Taetigkeiten integriert. Als Nachtlager wird uns das Konferenzzimmer der Schule zur Verfuegung gestellt.
Der Weg wird nun immer verwachsener, der einsetzende Regen erschwert das Fortkommen. Wie keuchen auf schlammigem Pfad auf Hoehen ueber 2000m empor.
Oben weht kuehler Wind - Pullover? - ein Einheimischer gesellt sich laechelnd zu uns - nackt.
Wieder geht es abwaerts, wir balancieren ueber glitschige Baumstaemme, rasseln in mit Moos verdeckte Loecher, hinter uns eine flinkfuessige Frau, die beim Gehen ihr Tragnetz haekelt und uns bei Bedarf aus der Patsche hilft...

Anderentags ziehen wir auf langen Hangquerungen dahin. Isak will uns von den ueblichen Routen wegfuehren, wir durchschreiten Doerfer, die wohl kaum je Fremde zu Gesicht bekommen und ueberall werden wir mit Haendeschuetteln freundlich aufgenommen. Wir staunen ueber die einfachen Spielsachen der Kinder - ein geflochtener Rattanreifen wird geschickt mit einer Astgabel bergauf und bergab getrieben.
Eine blitzsaubere Rundhuette wird in Syokosimo unsere lauschige Schlafstatt. Nach dem obligaten "mandi" im eiskalten Mogi kuscheln wir uns wohlig in unsere Schlafsaecke und erwarten sehnsuechtig den Ruf "makan, makan", der uns eiligst zum dampfenden Topf mit dem taeglichen Reis- Nudelgericht sausen laesst.

Der darauffolgende Tag sollte eigentlich einen gemuetlichen Ausklang bilden. Zunaechst zieht sich der Weg auch idyllisch entlang des Flusses, von bunten Blumen und huschenden Eidechsen gesaeumt - unsere Traeger bleiben auch auf dieser Faehrte.
Isak und wir steigen aber wieder bergauf, durchwandern einige Doerfer.
Zwei Maedels haben sich uns angeschlossen, trippeln singend hinter uns her. Da ertoent aus der Ferne lautes Geschrei. Sofort fuerchtet Isak Probleme fuer uns und schickt die beiden voraus. Im Dorf hat sich ein Streit entzunden, ein Schwein liegt, von einem Pfeil durchbohrt, auf dem Versammlungsplatz, eine kreischende Frau verlangt ein lebendes Schwein, das ueblicherweise bei Todesfaellen als Trostgabe gespendet wird.
Lange warten wir, bis sich die aergsten Aufregungen gelegt haben, uns beschaeftigt viel mehr, wie unser Weg weitergehen soll, denn Isak hat keine Ahnung mehr. Ein alter Mann erklaert sich schliesslich bereit uns zu fuehren.
Bei stroemendem Regen umrunden wir nun Berg fuer Berg auf steilen Abhaengen, schlammig, die Steine wie mit Schmierseife ueberzogen, manchmal gibt es gar keinen Pfad mehr. Krampfhaft halten wir uns an Grasbuescheln und Farnen fest, robben auf allen Vieren Meter fuer Meter seitwaerts, zerstechen uns die Arme an Dornen, schneiden uns an Graesern, die Haende beginnen von manchen Pflanzen zu jucken. Immer wieder tapsen wir in versteckte Loecher und rutschen fast in die Tiefe.
Isak fragt mehrmals, ob dies der richtige Weg sei, der alte Mann beruhigt ihn und fuegt hinzu: "Ich bin schon Christ, ich kann dich nicht anluegen!"
Endlos zieht es sich weiter dahin, doch irgenwann sind wir bei der Bruecke, ueber die es nach Yuorima geht, angelangt. Erschoepft lassen wir uns in der Huette des Buergermeisters nieder und bekommen sogleich Essen serviert, danach sieht die Welt wieder besser aus.
Bei einem netten Geplauder stellt sich heraus, dass der Buergermeister aus jenem Ort stammt, vor dem einst Geris Traeger (Tour 1992) zitterten und in dem er ihr Leben freikaufen musste...
Der Weg nach Kurima dauert zwar lange, fuehrt aber auf der bequemen "Handelsstrasse" dahin, auf der wir viele Dani und Yali treffen, die schwere Lasten in ihre Doerfer schleppen.
Am Nachmittag ueberschreiten wir den tosenden Baliem und steigen in den Jeep. Unsere Beine tun weh, Geris Wunde ist wieder offen, sein Fuss geschwollen.

Am uebernaechsten Tag fliegen wir aus Wamena ab und mit einem Platsch wirft es uns vom beschaulich einsamen wilden Leben am anderen Ende der Zeit in die brodelnde Zivilisation -
Warmwasserduschen, saubere Bettwaesche, Trinkwasser..... andererseits...
knatternder Autolaerm statt einschlaeferndes Murmeln eines Baches...
kein trommelnder Regen aufs Blaetterdach und Verruecken der Schlafstelle bei undichten Stellen...
keine Naegel an der Wand, an denen man seine Vorraete aufhaengen kann, um sie vor den Ratten zu schuetzen...
statt Heu- und Palmblaetter kalter Marmorfussboden...
Mango- und Guavesaft statt braunem Flusswasser...
... auch Sagowuermer sind hier schwer zu kriegen!

Wir geniessen den unglaublichen Luxus hier - und denken doch schon an unsere naechste Reise in dieses wilde, geheimnisvolle Land, wo es noch so viel fuer uns zu entdecken gibt...

 

 

Schneesturm am Aequator

24.11.2007

Geris Bericht:

Gespenstisch tauchen grelle Lichter in der wolkenverhangenen Nacht vor mir auf. Riesige Ungetueme auf drei Meter hohen Raedern kreuzen unseren Weg – in einem Land ohne Vegetation. Nach einigen Tagen auf der Insel Sulawesi bin ich nach Papua zurueckgekehrt. Nichts erinnert hier an die steinzeitliche Welt der Korowai, nichts an die idyllischen Bergdoerfer der Dani und Yali suedlich des Baliem-Tales. Ich bin in einer Geheimnis umwobenen HighTech-Welt gelandet, wo seit vierzig Jahren Kupfer und Gold in gigantischen Mengen abgebaut wird – in der Freeport-Mine an den Suedhaengen fast 5000 Meter hoher Berge.

Erst vor wenigen Monaten oeffnete die Minengesellschaft zaghaft ihre Pforten, um Bergsteigern, die zur Carstesz-Pyramide, dem hoechsten Gipfel des australisch-ozeanischen Kontinents wollen, die Durchfahrt zu ermoeglichen – alles hat seinen Preis, und der ist fuer die fuenfstuendige Fahrt durch das bislang verbotene Gelaende extrem hoch.
Noch vor kurzem sah es stockduester fuer uns aus, je zu diesem Berg zu gelangen. Vor drei Tagen haetten wir in Timika nahe der Mine mit dem Flugzeug landen sollen. Just zu dieser Zeit bekamen sich zwei Papua-Clans in die Wolle – es gab Kaempfe, Tote, die Stadt wurde fuer Auslaender gesperrt. Ein muehsam ausgehandelter Friede haette uns zwei Tage spaeter die Ankunft in Timika ermoeglicht, doch da wird der Flug ganz einfach ersatzlos gestrichen.
Am naechsten Tag klappt schliesslich alles und wir landen zur Mittagszeit in Timika. Noch am selben Abend startet unsere abenteuerliche Fahrt durch die gigantische Mine. Wir tragen Arbeiter-Schutzkleidung, wir nuetzen die Nacht, in der die Durchfahrt weniger gefaehrlich sein soll. In knapp 3000 Metern Hoehe erkennen wir in der Dunkelheit eine gewaltige Bergwand vor uns. Wir tauchen ein in ein unueberschaubares Tunnel-Labyrinth und staunen, dass der Fahrer nach einer halben Stunde tatsaechlich den richtigen Ausgang findet. Erst nach Mitternacht erreichen wir die aus Heinrich Harrers Berichten bekannte Carstensz-Wiese, begrenzt von einer eigentuemlich gestreiften Felswand, der Zebra Wall. Von einer Wiese ist hier allerdings nicht mehr viel zu sehen. Sie ist dreissig Meter hoch mit Abbau-Schlacke aus der Mine bedeckt. Bei Regen werden wir hier in 3800 Metern Hoehe ausgeladen, schnell verschwinden die Lichter des Jeeps in der Dunkelheit. In Schein der Stirnlampen tasten wir uns den Schlacke-Haufen hinunter zum morastigen Wiesengrund an der Zebra Wall. Wir stellen unsere Zelte auf, verdruecken etwas kalten Reis, der sich auf der Ladeflaeche des uns begleitenden Pickups mit Benzin vermischt hat und vegraben uns todmuede in unseren Schafsaecken.
Nur wenige Stunden Schlaf, wir muessen fueh aufbrechen, um die wenigen trocken Stunden des Tages zu nuetzen. Ab Mittag regnet es hier immer und fast ohne Unterlass.
Mit schwerem Gepaeck steigen wir langsam das idyllische Meren-Tal hinauf – kleine Seen an den Abstuerzen steil aufragender Felswaende. In 4200 Metern Hoehe errichten wir unser Basislager – an einem tuerkis-blauen See. Spaeter steigen wir noch hundert Meter hoeher auf einen Bergruecken – und von hier sehen wir erstmals die Carstensz-Pyramide – stolz und abweisend – die steilen Felswaende und der ausgesetzte Gipfelgrat floessen Respekt ein.
Nach einem Akklimatisationstag brechen wir am Sonntag, den 11. November um 4 Uhr morgens zum Gipfel auf. Den einstuendigen Zustieg zum Berg koennen wir problemlos in der Dunkelheit bewaeltigen. Der Morgen graut an, als wir den Einstieg in die maechtige, 400 Meter hohe Nordwand erreichen. Viele Passagen sind hier mit Fixseilen abgesichert, doch niemand von uns will sich an diesen Seilen hochziehen. Herrlicher, fester Fels – Genusskletterei im II. und III. Schwierigkeitsgrad – bei trockenem Wetter klettern wir Meter um Meter hoeher und vewenden die Fixseile nur zur Selbstsicherung. Einzig die flacheren, leichteren Passagen sind weniger vergnueglich. Hier sammelt sich Geroell, das immer wieder auf unsere Kletterhelme und Arme herunterprasselt.
Der Tag ist noch jung, als wir aus der Nordwand auf den Gipfelgrat klettern. Wenig ansteigend fuehrt er auf den noch in den Wolken verborgenen hoechsten Punkt. Doch gerade auf diesem Grat finden sich die wahren Tuecken des Anstiegs.
Kaum hat der Gipfelgrat begonnen, endet er auch schon wieder – der Gipfel ist noch fern. Vor uns liegt eine schier unendlich tiefe Gratspalte. Zehn Meter weiter findet der Grat seine Fortsetzung, drei Kletterseile sind ueber den Abgrund gespannt. Ein Anblick, der mir das Herz in die Hose rutschen laesst. Recht bange haenge ich meinen Karabiner in die drei Seile ein und hangle mich wie ein Koalabaer, kraeftig an den Seilen ziehend, ueber diese luftige Passage.
Kaum hat sich mein Pulsschlag wieder etwas beruhigt, wartet schon die naechste Tuecke. Wieder eine diese tiefen Spalten im Grat, doch diesmal nicht so breit. Es bedarf bloss eines extremen Spreizschrittes, wobei man mit seinem Fuss auf einen zwei Zentimeter breiten Tritt treffen muss – die anschliessende Gewichtsverlagerung ueber dem Abgrund ist auch nicht ohne. Eine dritte Gratspalte verbreitet weniger Schrecken, doch ist hier sauberes Klettern im IV. Schwierigkeitsgrad angesagt.
Ich klettere einige Seillaengen weiter, erreiche Gehgelaende und sehe Dave und Matthew wenige Meter ueber mir ziemlich untaetig herumstehen. Momente spaeter begreife ich, dass ich den hoechsten Punkt des Kontinents erreicht habe – 4884 Meter – kein Punkt zwischen dem Himalaya und den Anden ist hoeher.
Der Wettergott hat es gut mit uns gemeint waehrend des Aufstiegs – kein Regen. Nun hat es aber ein Ende mit seinem Wohlwollen. Schon auf den ersten Schritten des Abstiegs setzt dichtes Schneetreiben ein, das spaeter in Dauerregen uebergeht.
Die furchterregende, breite Gratspalte wird auch im Abstieg zum Erlebnis der besonderen Art. Meine Hand verfaengt sich im Fuehrungskarabiner, alles blockiert und die Hand schmerzt. Nach langem Gezerre kann ich die Hand befreien, doch der Handschuh bleibt im Karabiner gefangen. Kein Vor und kein Zurueck! Einziger Trost: gut gesichert. Ich reisse den Handschuh in Fetzen und bekomme den Karabiner frei. Kurz darauf bin ich drueben und habe erstmals das Gefuehl, den Berg geschafft zu haben.
Noch liegt die 400 Meter hohe Nordwand vor uns – abseilen an glitschnassen Waenden und Couloirs, aus denen Wasserbaeche herunterstuerzen – der Dauerregen laesst hier alles zu harter Arbeit werden.
Am Wandfuss angelangt, bleibe ich lange sitzen, versuche zu verarbeiten, was mir, was uns in den letzten Stunden gelungen ist. Dann schlendere ich ziemlich ausgelaugt und doch euphorisch ins Basislager zurueck.
Erst am Nachmittag des naechsten Tages brechen wir unser Basislager ab und treten den Rueckweg zur Zebra Wall an – hoffend, dass irgendwann die Lichter eines Jeeps auftauchen werden, der uns wieder durch die Mine fuehrt. Nach zwei Stunden des Wartens taucht das ersehnte Gefaehrt aus der Dunkelheit auf – wenige Stunden spaeter laesst die Luxuswelt des Sheraton Timika die Anstengungen in der ewig nassen Bergwelt Papuas verblassen.

 

 

Reisebericht einer Whiskyflasche

24.11.2007

SYLVIS Reisebericht der etwas anderen Art,
dargestellt an einer vereinsamten Whiskyflasche mit scheinbarem Eigenleben...

Wer mich kennt, weiss, dass ich einem Schlueckchen Whisky nie abgeneigt bin und seit ich mit meiner Freundin Doris auf Achse war, galt ein netter Abendtrunk - schon aus medizinischer Sicht - zum obligatorischen Bestandteil unseres Reisens...
Diesmal wars nicht ganz so einfach, denn bereits in Borneo gingen die Vorraete aus und sowieso ist laut Lonely Planet die Einfuhr in Papua strengstens verboten, also die Sagowuermer mussten ohne Konservierungsmittel den Darm passieren...

Einzige Ausnahme: nach der Dschungeltour hatte Isac die Idee ein Flaeschchen illegal bei der Polizei zu erwerben. Waehrend wir dieses froehlich in der Runde gehen liessen, mischte sich prompt ein Spitzel in den Raum und wir mussten den Saft verschwinden lassen...
Nach solchener fast 50 taegiger Abstinenz also laesst sich meine Freude vorstellen, als Heidi und Marcus in Manado mit einer riesigen Flasche Black Label auftauchten, denn nach dem Abtauchen auf der Insel Bunaken, ein von Mangrovewaeldern umgebener paradiesischer Fleck, waren Pokerabende mit kreisender Flasche angesagt...
Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt...
2 Tage Theorie, 1 Tauchgang mit viel "Maske fluten", ein froehliches Fest mit ins Gemuet schleichender Musik auf lokalen Instrumenten - das wars.
In der Nacht ereilen mich exorbitante Fieberschuebe. Malaria?
Der Resortmanager schifft mich zum Festland, schleppt mich ins Labor, umsorgt mich mit ruehrender Aufmerksamkeit. Der Arzt stellt fest: keine Malaria, aber auch fast keine Abwehrkraefte...
Zurueck auf die Insel, die naechsten Tage werden zum Alptraum, nicht nur tut mir alles weh, ich fuehle mich matt, mir graust vor Sonne, Meer, jeglichem Essen - und Trinken. Bedrohlich steht die Whiskyflasche auf meinem Nachtkaestchen in unserem entzueckenden Bungalow und grinst mich hoehnisch an...
Marcus hat sich inzwischen eine eitrige Mittelohrentzuendung eingehandelt und Heidi beschraenkt sich aus Solidaritaet aufs Schnorcheln und Plantschen...
Einzige freudige Abwechslung: in der Daemmerung kriechen riesige Krabben aus den Erdloechern und schnappen sich meine Essensreste mit ihren Scheren.
Nur langsam erhole ich mich, am vorletzten Tag wollen wir mit einem Schlueckchen auf Geris Gipfelsieg anstossen - doch kaum habe ich die Fluessigkeit im Mund, spucke ich in hohem Bogen aus - grauenhaft!
Resigniert kehren wir nach Manado zurueck, ich lasse noch einen Check im Labor machen (uebrigens praesentiert man mir stolz die Einwegnadeln!) und rufe in meiner Verzweiflung meine Freundin Elisabeth an. Selbige hat Geris wunden Fuss buchstaeblich in letzter Minute mit kompetenten Anweisungen fuer den Berg gerettet (obwohl im Nachhinein gesehen gar nicht notwendig, denn wer am Flying Fox haengt, braucht ja also sowieso die Fuesse gar nicht!!).
Elisabeth stellt eine Virusinfektion bei mir fest, die Abwehrkraefte haben sich gebessert, aber nun kommts - die Leberwerte sind im Eimer! "Kein Tropfen Alkohol in naechster Zeit, versprich mir das!"
Ich verfalle, das ist ja der Gipfel an Ungerechtigkeit! 2 Monate Abstinenz, und der Leber passt's nicht...!
Es moege sich nun bitte jeder sein philosophisches Urteil darueber bilden!
Ade, ihr guten australischen Weine, ade angebrochene Whiskyflasche...
Wohin nun mit ihr? Ins grosse Gepaeck ist wegen Bruchgefahr zu riskant, also ins Handgepaeck, bei der letzten Ausreise hat sich sowieso keiner um uns gekuemmert...
Diesmal wird gekuemmert - und entdeckt! Wuetend knalle ich die Whiskyflasche auf das Pult, und Heidi schiesst ein letztes Foto....
Inzwischen sind wir ueber Singapur nach Sidney geflogen und kurven im suedlichen Teil Australiens herum - aber das ist eine andere Geschichte!
Ich erhebe mein Wasserglas auf euch!

 

Ausatmen in Australien

16.12.2007

Abenteuerliche Eskapaden, Sagowürmer und von grauen Haaren überzogene Gratspalten ade! - wohlig rekeln wir uns in Rainers weichem Himmelbett in Singapur und genießen, gemeinsam mit seiner Familie, Frühstücksbuffet und Strandspaziergang.

Am frühen Morgen des 19.November setzt uns der Flieger auf dem Roten Kontinent ab und wir brausen mit einem gemieteten Hyundai Getz aus der Millionenstadt Sydney.

Down Under – die Welt verkehrt herum – alle fahren auf der falschen Straßenseite, beim Blinken geht der Scheibenwischer los…
Ohne Crash und erwähnenswertem Nervenzusammenbruch entrinnen wir dem Gewirr von Motorways und tuckern bald auf einsamer Landstraße dahin, immer wieder ein paar Häuschen, auf Wegweisern wie Großstädte vorangekündigt, zur Hälfte bestehen sie aus Fastfoodläden, was sich auch im Habitus der Menschen widerspiegelt: überaus fröhlich und freundlich und – rundlich.

Wir lassen unsere Blicke über die unendliche Weite des Busches schweifen, tatsächlich blau schimmern die zahllosen Berggipfel der Blue Mountains, dazwischen alle Schattierungen von Grün, herbstliches Braunrot, obwohl Frühling hier.
Bizarre Felsabstürze, Wasserfälle, tief eingeschnittene Flusstäler, gewaltige Höhlensysteme. Wir saugen die vorüber ziehenden Landschaftsbilder hauptsächlich vom Auto aus auf, denn sobald wir unser schützendes Kabäuschen verlassen, dröhnt uns das Geschnarre tausender Zikaden in den Ohren und - noch schlimmer - Fliegenschwärme nehmen auf unseren Augenlidern, Nasenflügeln und Lippen Platz. Vor dieser Plage hat uns keiner gewarnt! Wir fragen Australier nach Abhilfe: Achselzucken, „Mund zu“ ist die Antwort, was einen auf boshafte Gedanken bringen könnte…

Faszinierend die riesigen Schaf- und Rinderfarmen, die sich bei weiterer Fahrt auf hügeligem Gebiet aneinanderreihen, künstlich angelegte liebliche Teiche auf sattgrünen Wiesen, dicht gesetzte Baumgruppen, dann wiederum violettes Heideland mit einzelnen kahlen, grausilbrig glänzenden Baumgespenstern, dazwischen munter drehende Windräder.

Der Streit, ob Sydney oder Melbourne die Hauptstadt Australiens sein soll, wurde mit dem Bau der künstlich angelegten Stadt Canberra vor 100 Jahren beendet. Doch nur der eigenwilligen dreizackigen Stahlrohrkonstruktion auf dem schmucklosen Parlament gilt unsere Aufmerksamkeit, uns zieht es in die Snowy Mountains, die uns mit tief hängenden Wolkenbänken und eisigem Regen begrüßen.
In der Jugendherberge begegnen wir einem in diesem Land so zahlreich vorhandenen skurrilen Typen, barfuss unterwegs, er besitzt gar keine Schuhe, und ist empört, dass ihm im Restaurant der Zutritt verweigert wird…

Trotz Nieselregen wandern wir frühmorgens auf steilem, aber malerischem Weg durch einen nebelverhangenen Zauberwald mit kleinen Bächen, Wasserfällen und farbenfroher Blütenpracht bis zur auf 1800m beginnenden windgeschüttelten Hochfläche. Naturschutz wird hier ernst genommen, die weiteren 6,5km klappern wir auf einem 30cm über dem Boden fixierten Stahlgitterweg, nur von einigen Schneefeldern unterbrochen, dahin. Inzwischen schüttet es wie aus Schaffeln und pitschnass erreichen wir den Gipfel des 2228m hohen Mount Kocziuszko, des höchsten Berg Australiens. Manche sehen in ihm einen der Seven Summits, vor allem jene, die den technischen Bosheiten der Carstensz-Pyramide entgehen wollen.
Intensive mentale Vorstellungen einer baldigen heißen Dusche bewahren uns beim Rückweg vor dem Erfrieren.

Auf schmaler, wildromantischer und menschenleerer Schotterstraße kurven wir bis Lakes Entrance an der Südküste und erblicken über feinsandige Dünen den Pazifischen Ozean, zum Schwimmen allerdings zu kalt und rau.

Nächtens gleiten wir mit der Fähre ins fliegenfreie!! Tasmanien.
Lieblich eingebettete Seen, gewaltige, wurzelverschlungene Baumriesen, meterhohe Farne, in allen Farben prangende Moose – hingerissen geben wir uns auf einigen Bushwalks dieser Naturvielfalt in den Craddle Mountains mit viel Genuss hin.

Nach einem gemütlichen Strollen durch die Hauptstadt Hobart tauchen wir in die Geschichte Port Arthurs ein. Hier war einst Endstation für in England Verurteilte, letzte Möglichkeit dem Leben noch Sinn zu geben…
Blowhole und Devils Kitchen sind nur einige der in unheimlicher Tiefe gurgelnden Felslöcher an der Steilküste im Osten.

Am letzten Novembertag setzen wir wieder ans Festland über und lassen uns durch die gläsernen Wolkenkratzerschluchten von Melbourne treiben.
Kilometerlange Sandbuchten und hoch aufschäumende Wellen entlang der Great Ocean Road im Süden lassen das Herz jedes Surfers höher schlagen. Im Hinterland begegnen wir endlich – kurioserweise auf einem Golfplatz – etlichen Kängurus und in den nahen Eukalyptuswäldern blinzeln niedliche, sich in Astgabeln wiegende Koalas neugierig auf wild blitzende Touristen herab.
Höhepunkt dieser Küstenfahrt sind zweifelsohne die imposanten
12 Apostel, aus dem Meer ragende Berggipfel eines einstigen Festlandes, nur mehr 6 davon stehen, die anderen sind im Laufe der Jahre durch Naturgewalten hingeschleudert worden.

Von unserer letzten Unterkunft, ein kuscheliger Wohnwagen im Garten einer Backpackerunterkunft, ziehen wir in gestraffter Fahrt nach Sydney.
Zwei Tage sind nun geprägt von Sightseeing in dieser atmosphärischen Stadt.

Am 7.Dezember betreten wir, etwas zermanscht, aber glücklich und zufrieden von all unseren Erlebnissen und Eindrücken, heimatlichen Boden.
Über die Kälte freuen wir uns weniger, dafür umso mehr auf alle unsere Freunde, mit ihnen zu plaudern, zu lachen, weihnachtlichen Punsch zu trinken…